Der Markteintritt des in Hongkong ansässigen chinesischen Nachrichtenportals WeNews in Bozen und Trient, bei dem die Künstliche Intelligenz offenbar eine zentrale Rolle spielt und statt Journalistinnen und Journalisten lediglich von einer Kontrolle durch „redaktionelle Agenten“ die Rede ist, sollte nicht nur Journalistinnen und Journalisten sowie Verleger alarmieren, sondern auch die Öffentlichkeit und die Politik. Ein solches Modell könnte von jeder ausländischen Macht übernommen werden und damit Demokratie und nationale Sicherheit unseres Landes gefährden.
Ein erster Aspekt betrifft die sogenannten Fake News – falsche, ungeprüfte und kaum überprüfbare Informationen, die, wie bereits in jüngster Vergangenheit geschehen, Wahlprozesse beeinflussen können. Dies geschieht in einer Zeit, in der sich die geopolitischen Machtverhältnisse in zahlreichen internationalen Krisenregionen grundlegend verändern.
Wir stehen vor wichtigen demokratischen Wahlen in Trentino-Südtirol und in Italien. Gerade in diesem Kontext könnten sogenannte Trolls – also die gezielte und massenhafte Verbreitung provokativer Inhalte – erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nehmen und die Zustimmung zu besonders sensiblen und polarisierenden Themen verschieben. Dazu zählen etwa die Müllverbrennungsanlage, die Jagd, der Eisenbahn-Bypass, die Hochgeschwindigkeitsstrecke (TAV/TAC), das ethnische, politische und kulturelle Zusammenleben, Fragen der öffentlichen Sicherheit, die Migration in der Region sowie die Positionierung Italiens innerhalb der Europäischen Union, der NATO, bei der Seenotrettung von Migrantinnen und Migranten oder in der Atompolitik.
Es handelt sich daher keineswegs um ein standespolitisches Anliegen, das lediglich eine begrenzte Berufsgruppe betrifft. Vielmehr geht es um eine Frage, die unsere gesamte Gesellschaft betrifft.
Bei allen möglichen Fehlern und Schwächen ist ein freier, professioneller und qualitativ hochwertiger Journalismus, der von ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten ausgeübt wird, die ein Staatsexamen abgelegt haben und den berufsethischen Kontrollen der Disziplinarräte des Journalistinkammer und Journalisten, dem Pressegesetz sowie der Aufsicht durch AGCOM, die regionalen und provinziellen CORECOM und – im Fall der RAI – der parlamentarischen Kontrollkommission unterliegen, einer Informationsvermittlung vorzuziehen, die einem unpersönlichen Algorithmus überlassen wird.
Doch ist dieser Algorithmus tatsächlich unpersönlich? Oder wird er von einer kleinen Elite von KI-Oligarchen gesteuert, die in der Lage ist, die öffentliche Meinung gezielt zu beeinflussen?
Während die Vereinigten Staaten auf eine weitgehende Deregulierung setzen und der politische Grundsatz der Präsidentschaft lautete und weiterhin lautet: „Keine Einschränkungen für die Entwicklung und Verbreitung der Künstlichen Intelligenz“, die zunächst vor allem militärischen Zwecken dient und sich anschließend auf nahezu alle Bereiche der Wirtschaft ausbreitet, hat die Europäische Union ist bislang die einzige internationale Institution, die mit dem AI Act einen umfassenden Rechtsrahmen für den Einsatz Künstlicher Intelligenz geschaffen hat. Das Gesetz sieht strenge Vorschriften gegen den unkontrollierten Einsatz von KI vor, enthält jedoch keine spezifischen Regelungen für den Informations- und Medienbereich.
Auch Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas vom Mai dazu aufgerufen, die Entwicklung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz auf eine solide rechtliche und ethische Grundlage zu stellen.
Diese Mahnung wurde wiederholt auch vom italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella bekräftigt.
Hinzu kommen die absehbaren Folgen für den ohnehin stark prekarisierten Arbeitsmarkt im Journalismus.
Die am 10. Juni von der italienischen Regierung verabschiedeten Gesetzesdekrete übertragen den Universitäten eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Kompetenzen im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
In Bozen haben – nach meinem Kenntnisstand als erste in Italien – Rektor Alex Weissensteiner, Direktor Günther Mathà und Präsident Federico Giudiceandrea eine fünfjährige Kooperationsvereinbarung zwischen der Freien Universität Bozen und der Journalistengewerkschaft Trentino-Südtirol (SJG), die der FNSI angehört, unterzeichnet. Ziel ist die gemeinsame Forschung zu Künstlicher Intelligenz und weiteren Themen von gemeinsamem Interesse. Das Protokoll wird am 8. Oktober im Rahmen der Jahresversammlung in Anwesenheit der Spitzen von unibz, FNSI und Casagit offiziell vorgestellt.
Ausgehend von der gemeinsam von der Freien Universität Bozen und der SJG erarbeiteten „Bozner Charta für Künstliche Intelligenz und Information“ soll ein Kompetenz- und Forschungszentrum entstehen, das sich mit der Frage beschäftigt, wie diese Entwicklungen verantwortungsvoll gestaltet werden können – mit den Menschen im Mittelpunkt: den Journalistinnen und Journalisten.
Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt entsteht derzeit in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Ingenieurwesen. Beteiligt sind Professor Marco Montali, Professor für Informatik mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz, sowie der Arbeitsrechtler und Urheberrechtsexperte Bruno Del Vecchio, langjähriger Berater und Mitarbeiter der FNSI und der SJG. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sollen im März 2027 veröffentlicht werden.
Damit wird das politische Handeln in Trient, Bozen und Rom zu einer entscheidenden Voraussetzung, um dieses Phänomen wirksam zu steuern. Ohne klare Regeln besteht die Gefahr, dass die Künstliche Intelligenz die demokratischen Grundlagen Italiens sowie die demokratischen Institutionen seiner Regionen und autonomen Provinzen nachhaltig untergräbt.
Rocco Cerone, Sekretär der Journalistengewerkschaft Trentino-Südtirol
Alessandra Costante, Generalsekretärin des Italienischen Nationalen Journalistenverbandes (FNSI)